freitag 1.6.07

der juni fährt vor... 
noch einen ganzen monat und doch finde ich, es ist nicht mehr viel.
aber wenn ich bedenke, wieviele besucher von berlin nur drei, vier tage zeit haben, bleibt mir ja noch eine menge und am ende sogar die enorm grosse fülle der vergangenen sechs monate 

was ich bis anhin nie machte, war ein einteilen der tage, jetzt aber wird es plötzlich zu einer dringlichkeit.
absehbar der zeitenlauf. 
ein stechendes gefühl, aber wenn ich anfange zu sinnieren, stelle ich fest, wie viele dinge besonders nachsichtig geworden sind zu mir. 
so haben zum beispiel meine schönen roten schuhe aufgehört zu drücken. 

samstag 2.6.07

die beiden haarelosen geschöpfe tauchen schon seit jahren an vernissagen oder öffentlichen kunstveranstaltungen auf. du könntest die beiden doch einladen für die nächste "ums wasser" prozession. die kahlheit als symbol der unterwerfung hat durchaus christliche tradition. man denke da an die tonsur oder die kahlköpfigkeit von priestern. ich frage mich, für was die beiden ihre haare "geopfert" haben. ist es die kahlköpfigkeit der narren oder benutzen sie die glatze als spiegel für uns? um der gesellschaft zu zeigen, dass insbesondere im 2. weltkrieg das kahlscheren (insbesondere bei frauen) eine neubelebung als strafe erlebt hatte?( kollaborateurinnen, sexualverkehr mit dem feind usw.) oder warnen sie gar vor den heutigen glatzenträgern? vielleicht aber möchten die beiden einfach nur als geschlechtsneutral konserviert sein; ohne das symbol der lebenskraft - das lebenslange haarewachsen. 

yvonne götte

sonntag 3.6.07

zwei tage lebten, wanderten und fuhren wir durch wälder. wälder bis ich hühnerhaut bekam. 
bin froh wieder in der stadt zu sein.
wir waren zwei tage in der meklenburgischen seenplatte. ein sehr grosses gebiet, mit mini seen, kleinen- und grossen seen, befahren mit mini schiffen, kleinen- und grossen schiffen. 
die meisten seen sind verbunden mit kanälen und nicht mehr endenwollenden wäldern. zum teil nationalpark, zum teil biosphärenreservat, zum teil sehr dichter wald, mit beachtlichem baumbestand. 
ich sah eine eiche, so alt wie die eidgenossenschaft.
sahen auch sehr gut ausgebaute radwege mit vielen fröhlichen fahrern unterwegs. 
ich glaube, ich war die einzige die fror. 

montag 4.6.07

schon längst wollte ich in der schönholzerheide die roten flammen fotografieren. 
das sind wunderschöne farblichter entlang der grauen mauer. sie gaben dem riesigen monumment, auch wenn sie recht stramm wirkten, eine lieblichkeit, ein regelmässiger unterbruch der immensen grösse.
sie waren im genauen abstand über vier sehr lange wände angelegt.
doch, als ich dort ankam, glaubte ich einer sinnestäuschung zu unterliegen.
von den circa 120 flammen war kein einziges stück mehr da. 
wegmontiert, oder ausgerissen. 
ich war ganz entsetzt, ich suchte hilfe, eine information..
eine gärtnerin beantwortete meine frage nach dem warum mit einer gegenfrage „wat wollen se denn?“ dann wandte sie sich ab und lief davon.
dannach fragte ich einen gärtner, der mir mitteilte, dass die lampen während einer nacht, vor zwei wochen gestohlen wurden. nicht eine einzige blieb zurück.
ich war schockiert, ich lief weiter und weiter 

dienstag 5.6.07

gestern vormittag wieder im rütlischulhaus fotografiert. anschliessend besuchte ich das tellstübchen welches an der tellstrasse lieg. etwas weiter vorne zweigt die rütlistrasse ab.
ein verrauchtes lokal, wo bereits am morgen überaus nette biertrinkende frauen und männer an der theke sassen. ich wollte wissen, wieso diese gegend so schweizerische namen hätte. sie wussten es auch nicht, aber sie wussten alles mögliche über tell und seine „freunde“. 
im restaurant, oberhalb einer tür war ein altes schild angebracht auf dem es in schwungvollen buchstaben hiess „durch diese gasse muss er kommen“. 
früher, laut aussage eines gastes, soll auch ein bild von wilhelm tell an der wand gehangen haben, doch das sei vor einiger zeit auseinander gefallen. 

mittwoch 6.6.07

es gibt gedanken die ich nie niederschreiben würde, nämlich aus furcht oder freude sie könnten gestalt annehmen oder sich auflösen. 

donnerstag 7.6.07

zum hochzeitstag wurde ich mit einer tischlein-deck-dich- fahrt überrascht. 
nach schlepzig, im spreewald, 70 kilometer von berlin entfernt.
eine landschaft für liebende

hoch-zeit-en

freitag 8.6.07

bin in gedanken
verhangen
schiebe sie hin und her
versuche sie 
zu verstecken
unter dem wasserhahn zu ertränken
aus dem fenster zu schütteln
im abfall zu entsorgen
doch
hartnäckiger 
als nervige herbstfliegen
überleben sie jede tortur
und es 
werden täglich mehr 

samstag 9.6.07

ich kann mir „ein später“ im moment nicht recht vorstellen. aber ich muss mir das ja auch nicht, jetzt ist ja nicht später 

sonntag 10.6.07

die bitte um eine kleine spende höre ich fast so regelmässig, wie der unterschwellige rhythmus der stadt. die spendenfordernden gehören zum strassenbild, sie gehören in die u-und s-bahn, auf alle belebten plätze, vor einkaufszentren und manchmal auch in eine stille ecke.
es gibt die mutigen, die fragen direkt, oder versuchen es mit musik, andere sitzen flehend auf der strasse und wieder andere sind gar nicht mehr fähig zu bitten, sie dösen nur noch irgendwo.
vorhin fragte mich ein päärchen, in der hand eine schütteldose mit kleingeld, ob ich etwas für ihre hochzeit spenden würde.
nicht schlecht. 

montag 11.6.07

manchmal, wenn ich in die wohnung zurückkomme, den schlüssel umdrehe, überkkommt mich ein gefühl der wohligen wärme und sicherheit. nicht etwa die sicherheit vor einbrecher oder dergleichen materiellen sorgen, nein, es ist ein gefühl der tiefen inneren gelassenheit.

leider nur hin und wieder. 

dienstag, 12.6.07

rügen
auf den spuren einer freundschaft.
das gefunden was von ihr übrig geblieben ist.
die verlassene bank oben am feld.
keine mohnblüte. 
das reh nicht in sicht.
grösser geworden der friedhof.
das meer rauschend und berauschend wie damals. 

mittwoch 13.6.07

stille tage am meer
dabei ist es gar nie still. die wellen hüpfen in regelmäsigen abständen über den weissen sand. die möven kreischen ununterbrochen und doch, es ist eine wohltuende unstille.
das auge bleibt hängen irgendwo in der ferne wie die sehnsucht.

kap arkona
der äusserste zipfel, respektive der nördlichste von rügen.
mit dem velo an der küste entlang zum denkmalgeschützten fischerdorf vitt. die wenigen häuser haben alle dicke strohdächer und die winzige dorfstrasse ist sandig wie die küste am meer. 
die kreidefelsen wiedergesehen. es werden immer weniger.
steine gesucht am strand.
in sassnitz im restaurant gastmahl des meeres sehr feinen fisch gegessen.
in rügen ergeht es mir ähnlich wie in der bretagne, obschon land und leute unterschiedlich sind.

prora besucht, frierenden gigantismus.
putbus unvergesslich.
über stralsund, greifswald nach usedom. 
peenemünde, das dorf wurde 53 jahre unter verschluss gehalten. monumental in einer andern art. der wirkungsort des werner von braun. 
mochte nicht in das museum.

die voll besetzten ferienorte kennengelernt. zinnowitz, bansin,
heringsdorf, ahlbeck.
über anklam nach szczecin. 
eine andere welt, aufbruch, stillstand, rückstand, alles geichzeitig. 

donnerstag 14.6.07

unruhige tage
die vögel fliegen tief
an den wänden eiskristalle
die gedanken im 
koffer
nie wird er ankommen 
im
land der gewohnheiten 

freitag 15.6.07

berlin ist zugedeckt mit dem duft der lindenblüte.
wieso nur schmeckt dessen tee so grässlich.

samstag 16.6.07

in der neuen nationalgalerie, die ausstellung „die schönsten franzosen kommen aus new york“ angesehen.
sie ist bombastisch. 
oder ist sie bombastisch wegen den vielen leuten die vor den bildern stehen? im gedränge werden die bilder zu einer unübersichtlichen masse.
das ganze hat mich nicht sonderlich berührt, vielleicht auch weil mich die zeitgenössische kunst mehr fasziniert. 
sie lässt mich mehr fragen, tiefer staunen und oft auch ratlos sein. sie ist für mich eine auseinandersetzung der gesellschaftlichen entwicklung im allgemeinen und des lebens im besonderen. 

sonntag 17.6.07

im hof des ehemaligen postfuhramtes der stadt berlin, einem denkmalgeschützten raum an der auguststrasse, gleich gegenüber von unserer wohnung drehte das zdf filmsequenzen eines krimis zur tatortserie mit dem arbeitstitel „hinterhalt“. 
zuvor wurde die ganze linke strassenhälfte mit parkverbotsschildern belegt, autos die nicht innert nützlicher zeit umparkiert waren, wurden vom ordnungsamt abgeschleppt. danach fuhr die filmequipe mit lastern aller art vor. der eine transportierte scheinwerfer, kameras und sonstiges aufnahmematerial, der andere eine gut eingerichte küche samt koch und abwaschfrau, der nächste wurde als garderobe benützt. alles war sehr gut organisiert.im hof waren gegen 50 leute anwesend und ich hatte das glück einmal zu sehen wie ein film gemacht wird.
zwei junge frauen, als komparsen eingesetzt, wussten gar nichts über den dreh, sie sagten mir, dass sie über eine agentur hier wären, weder schauspiel- noch theatererfahrung aber freude am mitmachen hätten, die arbeit sei gut bezahlt und der regisseur sage ihnen dann schon, wie sie sich in szene zu setzen hätten. beim offizillen zeichen mussten sie dann über den platz laufen und das unzählige male. 
aus dem lokal, welches die bühnenbildner aufgebaut hatten, kam ihnen ein junger, schlaksiger mann entgegen, würdigte sie keines blickes. er hatte die rolle des täters, er musste drei jugendliche die auf einer kühlerhaube sassen zusammen schlagen. die jungs hatten spezielle jacken an, damit die schläge mit der vermeintlichen eisenstange ihnen nichts anhaben konnte. 
über mehrere stunden wurde gedreht, wie viel dann von den szenen zu sehen ist, werde sich in einem halben jahr zeigen, dann werde der film im fernsehen ausgestrahlt, sagte mir der regisseur. 
gegen zwei uhr nachts tobte ein heftiges gewitter. die kameras wurden eingepackt, alle anderen untensilien ebenso, die dekorationen abgebaut und heute morgen als ich aus dem fenster schaute, war alles so wie immer. 

montag 18.6.07

gedenkfeier des volksaufstandes vom 17.juni 1953
vor dem finanzministerium wurden 1000 dunkelrote rosen niedergelegt. ein ergreifendes und dennoch fröhliches bild. sie legten die rosen, alle mit kopf noch oben, auf das überdimensionale foto, welches mehrere meter lang im boden eingelassen ist und an diesen aufstand erinnert.
auch mein mann bekam einen grossen strauss rosen, welche er, wie alle andern auch, rose zur rose legte, bis das ganze bild umrahmt war mit den langstieligen dunklen blumen. 

dienstag 19.6.07

beim aufwachen, der erste blick zur goldenen kuppel, 
der gedanke, dass in ein paar tagen dieses bild vergangenhheit sein soll, ist nicht gerade einfach.


unser nachbar jürg benninger fotografiert. er war ein sehr geduldiges model. 

mittwoch 20.6.07

im duft der linden
laufen
schauen
aufnehmen 
bis die augen erschöpft
um die stunden kämpfen
den noch
verbleibenden 

donnerstag 21.6.07

nochmals in neukölln, im rütlischulhaus bilder gemacht.
im tellstübchen mit der wirtin uta geplaudert. 
hier sei sie aufgewachen in diesem kreis, seit einem jahr führe sie mit ihrem mann uwe zusammen das restaurant. 
ein 24 stunden betrieb, 365 tage im jahr. die ersten drei monate haben sie den betrieb alleine durch die tage-und nachtschichten geführt, dann sei sie zusammengebrochen. jetzt mache sie samstag und sonntag frei und angstellte führen das geschäft.
ein grosse tellbild und ein noch grösseres landschaftsbild vom rütli, habe die frühere besitzerin mit einer holz- und spiegelverkleidung zum verschwinden gebracht. 

freitag 22.6.07

wie vor-und vorgestern schon, am nachmittag bei gutem licht eine schifffahrt gemacht.
ich wollte mit den "wasserbilder" weiter experimentieren.
wieder mit zwei vollen taschen büchsen, plus rucksack und umhängetasche bei 31 wärme zum schiffsteg gelaufen. der kapitän erkannte mich gleich wieder und ich übergab ihm zwei bilder, die am tag vorher entstanden sind. 
die ganze frau- mannschaft rief er zusammen, um ihnen zu erklären, dass diese bilder mit einer büchse gemacht wurden.
er erliess mir den eintritt und machte sofort den von mir gewünschten tisch frei. ich konnte eine stunde lang vom besten platz aus und ohne abgelenkt zu werden fotografieren und genau diese bilder die mich seit wochen beschäftigten konnte ich endlich umsetzen.
ja, solche privilegien, ohne stress zu arbeiten würde schon einiges erleichtern.


die fotoausstellung von cindy shermann gesehen.
rätselhafte visionen die mich an alpträume erinnerten
jegliche idealisierung der frau ist aufgehoben. 

samstag 23.6.07

der abschied ist nicht zu umgehen. 
der berlinaufenthalt jedoch wird mit dem wegfahren nicht zu ende sein. 
die nachhaltigkeit wird mich durch die zeit begleiten, wird meine kommenden arbeiten unterstützen und beeinflussen.
man nimmt zwar immer sich selber mit, aber ich weiss, dass sich einiges verändert hat.
der sechsmonatige aufenthalt hat mich an orte in mir selber geführt,die mir unbekannt waren

ich möchte all jenen aus tiefstem herzen danken, welche mich immer wieder unterstützten, mich in (berliner) krisen ermunterten und mich trösteten. ich bin sicher, auf irgend eine weise werde ich bei euch das ebenfalls mal tun können. 

sonntag 24.6.07

es regnet...überall, worte fehlen...