14.10.09

Totengräber

Übermütig und launisch lag er über der Gegend, der Vorfrühling mit seinen Tücken. Noch keine Ahnung hatte er von stabil und eingebunden sein. 

Der Friedhof, zwar auf der Sonnenseite des Dorfes, die meisten Gräber aber im Schatten liegend, liess den Frühling nicht an die Erde.
Der Mann, der mit gebeugtem Rücken durch die Grabreihen schritt, bemerkte wie immer die schmiedeisernen Kreuze, die aus dem gefrorenen Schnee, eher schräg als stramm, zum Kirchturm starrten.
Wieder einmal musste er auf der Schattenseite, in der dritt-vordersten Reihe ein Grab ausschaufeln und im kalten Schatten zu stehen bedrückte ihn. Nicht etwa wegen der Kälte, an die hatte er sich schon längst gewöhnt. Die Kraft, die er jeweils verlor, bis der Boden sich langsam öffnete, war von weit grösserer Tragweite, ja war eigentlich seine Lebensgeschichte.
Die Gedanken verweilten bei den Toten. Wenn jeweils der tief gefrorene Boden kein Nachgeben zeigte, kein Entgegenkommen, kein Weichwerden, dann wusste er, dass die Verstorbenen ihm das Ausgraben dieser letzten Stätte schwer machen wollten.
So einfach geht halt das Abschied-nehmen nicht. Viele hatten auch keine Übung darin. Seit Jahr und Tag lebten sie in Jahreszeiten, in denen der Wechsel von einer zur andern Jahreszeit nicht viel Raum liess. Ein langer Winter, wochenlang ohne Sonne, dann der knappe Frühling, oft ein verregneter, viel zu kurzer Sommer, der farbige, schnelle Herbst und wenn er vielleicht ein wenig Gnade empfing, noch ein paar geschenkte Tage im November.
Etwas mehr Sonne hätte vieles vereinfacht.
Die Gestalten mit den herben Gesichtern müssten nicht so dunkel und eingepackt in ihre Gefühle an den Gräbern stehen, wenn die Sonne sich etwas öfter über die Gedanken und die Gegend gelegt hätte. Schon die Jungen hielten ihre Schultern an die Ohren, als ob der Atem aus den Körpern gezogen würde.

Ja, er konnte sie gut verstehen, die Verstorbenen, wenn sie ihm das Schaufeln schwer machten. Wenigstens im Tod nicht im Schatten liegen, etwas mehr Wärme spüren, und vielleicht doch auf der Sonnenseite des Friedhofs einen Platz finden, ist eine Sehnsucht, die viele in sich tragen. Und einen sonnigen Platz hätte er auch den meisten gewünscht, nicht nur sich.
Plötzlich dachte er an die süss lächelnde Madonna in der Kirche. Diese mütterliche Figur hatte ja ihren Platz an der Sonne. Ihr Gesicht lag, wenn das Wetter gut war, meistens im Sonnenlicht. Sie hatte keine Ahnung, wie dieser steinhart zugefrorene Boden einem zusetzen konnte, angesichts des Todes, den die Zukunft unweigerlich bringen wird.
Zu seiner Arbeit gesellte sich auch der Gedanke des Rechnens. Es war wie ein Ritual für ihn, vor allem seit einigen Jahren, seit auch er spürte, dass seine Stunden dem Tod näher waren als der Jugend. Wenn er für etwa fünfundzwanzig Menschen im Jahr das Grab schaufeln musste und zur Zeit in der dritt-vordersten Reihe die Toten beerdigte, würde es sieben Jahre dauern, bis die Sonnenseite des Friedhofs erreicht war. Acht Jahre müssten ihm noch vergönnt sein, um auf der besseren Seite Platz zu finden. Letztes Jahr war er pensioniert worden, und die Friedhof-kommission hatte ihn angefragt, ob er diese Aufgabe noch weiterführen wolle, bis ein Jüngerer gefunden worden sei und seine Arbeit aufnehmen könnte.
Letzte Woche hatte einer nachgefragt, wie sie denn sei, diese Arbeit. Er hatte ihm nicht viel erzählt, so das Wichtigste, zum Beispiel von dieser Eisschicht im Winter, die viel Energie und warme Pullover brauchte, auch ganz wenig von den Rückenschmerzen im Alter, vom Nebenverdienst, den er gut gebrauchen konnte, als das Haus noch kein Bad und keine Heizung hatte und die Kinder zu Hause wohnten.
Aber nichts sagte er von den Lebenden, wenn sie durch die Grabreihen schritten und die ungesagte Angst mit ein paar nichts-sagenden Nettigkeiten aus den engen Mundwinkeln fiel und er genau wusste, was sie eigentlich meinten.
Auch mit keinem Ton erwähnte er die Gespräche mit den nicht mehr Lebenden vom Widerstand, den sie leisteten, weil sie ihn beim Schaufeln hinderten, wenn er durch die dicke Schicht Eis pickelte und Stunden später noch kaum ein Resultat davon sah.
Oder von der Madonna, die ihren spöttischen Blick in seinen Rücken bohrte, wenn er sich zu fest mit den Toten solidarisiert hatte.
Die Belohnung, die er immer wieder verschämt ablehnte, wenn Dorffiguren ihr Ende spürten und es sich gewohnt waren, mit einem vollen Portemonnaie alle Türen auf zu machen, jetzt aber das eisige Grab mit Geld noch etwas wärmen wollten, auch das hatte er nicht erwähnt. Der Neue musste diese Kontakte selber schaffen, sofern er die Toten akzeptierte und sie ihn.